Wie wäre Ihr Leben verlaufen, wenn Sie sich im Jahr 1989 dagegen entschieden hätten, in die Politik zu gehen?
Gregor Gysi: Auf jeden Fall deutlich ruhiger, auch wenn es als Anwalt durchaus Gerichtsverhandlungen geben kann, die von einem großen öffentlichen Interesse begleitet werden. Ich nehme an, dass ich zunächst von vielen Ex-DDR-Bürgerinnen und -Bürgern beauftragt worden wäre.
Welches Erlebnis, welche Situation hat Ihre politische Arbeit besonders nachdrücklich geprägt?
Das sind schon einige. Anfangs der erlebte Hass und die tiefe Zuneigung. Hervorhebenswert ist auch die Situation Ende 1994, als der PDS von der Berliner Finanzverwaltung mit einer Steuernachforderung über 67 Millionen D-Mark de facto der Garaus gemacht werden sollte. Der Hungerstreik, mit dem wir uns wehrten, und die große Solidarität, die wir erfuhren, sorgten letztlich dafür, dass die Steuernachforderung gegen uns keinen Bestand hatte. Das war eine Zäsur, weil damit der Versuch endgültig gescheitert war, uns administrativ aus dem politischen System der Bundesrepublik zu verdrängen. Fortan hätten wir das nur noch selbst bewerkstelligen können. Wichtige emotionale Momente waren für mich Treffen mit Persönlichkeiten wie Nelson Mandela. Dieses Unbeugsame und zugleich Nachsichtige in ihm, das Südafrika den Weg aus der Apartheid heraus und dennoch ein Zusammenleben ermöglichte, haben mich tief beeindruckt. Das gilt auch für mein Treffen mit Fidel Castro.
Was erwarten Sie in den kommenden vier Jahren von der Fraktion DIE LINKE?
Besser, was erhoffe ich mir: konsequente Oppositionsarbeit und zugleich eine viel stärkere Orientierung auf die Entwicklung politischer Innovationen, die uns zur inhaltlich treibenden Kraft in der Opposition machen. Wir müssen nachvollziehbare und realitätstaugliche Antworten geben auf die Fragen, die den Bürgerinnen und Bürgern auf den Nägeln brennen, und auch Brücken bauen, um bis zum Jahr 2021 andere politische Mehrheiten vorzubereiten.